
Bernau / Britz / Barnim: Zu einer symbolischen Trauerfeier hat die Gewerkschaft NGG (Landesbezirk Ost) am heutigen Samstagmittag gegen die Schließung der Eberswalder Wurstwerke in Britz aufgerufen.
Punkt „fünf nach zwölf“ versammelten sich am 14. Februar rund 200 Teilnehmer vor den Werkstoren, um ihren Unmut über das Aus der Produktionsstätte auszudrücken. Neben dem Protest stand vor allem die Wertschätzung für die rund 500 verbliebenen Beschäftigten und deren langjährige Arbeit im Mittelpunkt der Zusammenkunft.
Die Veranstaltung markierte nicht nur einen Protest, sondern auch einen Moment des Innehaltens. Bei Würstchen und Getränken tauschten die Anwesenden Erinnerungen aus und setzten ein Zeichen der Verbundenheit mit einem Traditionsstandort, der die Region über Jahrzehnte geprägt hat.
„Wenn eine lange Tradition endet, ist das ein schmerzlicher Verlust. Und wenn wir einen Verlust erleiden, hilft es immer, sich mit den anderen zusammenzufinden, die in derselben Situation sind“, sagt Uwe Ledwig, Vorsitzender der NGG im Landesbezirk Ost, im Vorfeld der heutigen Kundgebung. „Das ist der Sinn jeder Trauerfeier, und nach Jahrzehnten von Freud, Leid und Kampf in den Eberswalder Wurstwerken halten wir eine solche nun für mehr als angemessen. Damit zollen wir der Leistung der Beschäftigten den Respekt, welcher ihnen vom Tönnies vorenthalten wurde.“
Im Zentrum des Unmuts steht der Tönnies-Konzern, der den Traditionsstandort erst vor zwei Jahren übernommen hatte.
Sebastian Ledwig von der NGG fand deutliche Worte für die Stimmung unter den rund 500 verbleibenden Beschäftigten. „Viele sind zu Recht wütend“, so Ledwig. Er warf dem Konzern vor, Versprechen nicht eingehalten zu haben, die sich im Nachhinein als „Luftnummern“ entpuppt hätten. Besonders die Diskrepanz zwischen langjähriger Treue der Belegschaft und dem jetzigen Ende sorgt für Empörung: „Wütend darauf, nach jahrzehntelanger Lohnzurückhaltung nun mickrige Abfindungen zu bekommen. Wütend auf das rücksichtslose Profitstreben, das abermals Tradition und harte Arbeit in den Schatten stellte.“
Nicht nur die Konzernführung, auch die Brandenburger Landespolitik geriet ins Visier der Gewerkschaft. Ledwig kritisierte eine aus seiner Sicht „ohnmächtige Landespolitik“, die notwendige Hilfestellungen verweigert und nun lediglich „Krokodilstränen“ vergießt.
Herber Rückschlag auch für den Landkreis
Auch der stellvertretende Landrat, Holger Lampe, war vor Ort und bezeichnete gegenüber Bernau LIVE die Schließung als „herben Rückschlag für den Landkreis Barnim“. Er betonte seine persönliche Verbundenheit als Landwirt und langjähriger Lieferant des Werkes. Die Kritik der Gewerkschaft an einer „ohnmächtigen Landespolitik“ wies er jedoch zurück. Es handele sich um eine „reine wirtschaftliche Entscheidung des Eigentümers“, auf die die Politik keinen direkten Einfluss gehabt habe.
Um die rund 500 betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zügig in neue Beschäftigungsverhältnisse zu vermitteln, kooperiert der Landkreis eng mit der Arbeitsagentur, dem Jobcenter sowie regionalen Unternehmen. Parallel dazu laufen bereits Gespräche über die künftige Nutzung des Areals und die Klärung von Umweltfragen, um eine dauerhafte Industriebrache am Standort zu verhindern.
Auch Michael Kellner (Bündnis 90/Grüne), der als Zeichen der Solidarität gegenüber den Beschäftigten vor Ort war, verurteilte das Vorgehen des Tönnies-Konzerns. Er bemängelte die Schließung und die niedrigen Abfindungen für Mitarbeiter. Allerdings betonte auch er, dass die Landesregierung hier kaum Spielraum zur Unterstützung habe.
Für Daniel Sauer (CDU) ist die Trauerfeier vor allem ein Zeichen der Solidarität: „Was die Kollegen hier auf die Beine gestellt haben, öffnet einem das Herz“, so der Polizei-Gewerkschafter und Landratskandidat. Zugleich ist Sauer der Meinung, dass seitens der Landesregierung mehr hätte passieren müssen. „Man hätte den Tönnies-Konzern schon viel früher mit dem Wert der Traditionsmarke ‚Eberswalder‘ konfrontieren müssen, anstatt die Schließung kampflos hinzunehmen. „Man sieht sich immer zweimal im Leben – der Tag wird kommen, an dem Herr Tönnies in Brandenburg wieder Unterstützung braucht“, so Sauer mit Blick auf das rücksichtslose Vorgehen des Konzerns.
Produktionsaus – Ende Februar 2026
Am 6. Januar wurde bekannt, dass der Traditionsbetrieb Eberswalder Fleischwerke am Standort in Britz, die Produktion bis Ende Februar 2026 einstellen wird.
Die Geschichte des Standorts Britz (bei Eberswalde) ist eine von extremen Höhen und Tiefen. 1977 gegründet, entwickelte sich der fleischverarbeitende Betrieb in den 1980er-Jahren zu einem der größten seiner Art in ganz Europa. In seiner Blütezeit gab das Werk 3000 Menschen Arbeit und war das wirtschaftliche Herz der Region.
Nach der politischen Wende geriet der Standort jedoch in turbulentes Fahrwasser. Auf mehrere Eigentümerwechsel folgte zur Jahrtausendwende die Insolvenz, bevor dem Unternehmen im Jahr 2002 mit einer neuen Struktur ein hoffnungsvoller Neustart gelang. Erst in jüngster Vergangenheit, im Jahr 2023, wurde das Werk in Britz von der Zur-Mühlen-Gruppe übernommen – ein Schritt, der nun in der Einstellung der Produktion mündet.
Gerade in Ostdeutschland genießen die Produkte unter dem Namen „Eberswalder“ absoluten Kultstatus und sind fester Bestandteil des Sortiments in fast jedem Supermarkt. Ganz verschwinden werden die bekannten Produkte der EWN Wurstspezialitäten GmbH & Co. KG wohl nicht.
Nach bisherigem Kenntnisstand soll die Marke „Eberswalder“ erhalten bleiben, wobei die Produktion künftig an andere Standorte der Unternehmensgruppe verlagert wird. Für den traditionsreichen Standort Britz und seine verbliebenen 500 Beschäftigten bedeutet dies jedoch das endgültige Ende eines langen Kapitels Industriegeschichte in unserer Region.
Sachstand: Samstag, 14. Februar – 13:00 Uhr. Die Veranstaltung dauert aktuell noch an.
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